
von Herbert Rosendorfer
Vor Jahren habe ich einmal ein Seminar mitgemacht, bei dem es ein belehrendes Spiel gab: der Seminarleiter teilte willkürlich die etwa 30 Personen zählende Gruppe in zwei Hälften. Die eine Hälfte bekam rote, die andere blaue Karten. Mit denen mußte dann etwas gespielt werden, eine Gruppe konnte gewinnen usw. Das war nicht das Interessante daran; interessant war, daß
– was ich an mir selber festgestellt habe – mit dem Augenblick der Aufteilung sofort eine Art Mikro-Patriotismus eintrat: Wir sind wir und die sind die anderen. Wie man weiß, ein gruppendynamisches Verhalten, gesetzmäßig, fast nicht zu beeinflussen.
So eine willkürliche Teilung erfuhr die Bevölkerung Tirols 1919. Seitdem sind die Nord- und Ost-Tiroler die anderen. Wir Südtiroler sind wir. Allerdings trat das, wenn ich es richtig beobachte, nicht sofort sondern verzögert ein. In der Zeit des faschistischen Terrors in Südtirol war diese gruppendynamische Gesetzmäßigkeit noch nicht oder nicht so stark wirksam. Da hielt der Druck das gemeinsame Tirol-Gefühl noch. Es ist wahrscheinlich häretisch, wenn ich behaupte, die eigentliche Trennung zwischen Nord/Ost-Tirol und Südtirol wirkte richtig erst mit Beginn der Autonomie. Seitdem das Land vom Joch der postfaschistischen Knute befreit ist, seitdem ist das autonome Selbstwertgefühl in dem genannten gruppendynamischen Sinn so richtig zutage getreten. Gibt es nicht zu denken, wenn – zum Beispiel – in Schwaz ein Zugunglück mit x Toten geschähe ( Gott möge es verhindern ) niemand in Südtirol, ich nicht und nicht einmal Frau Dr. Klotz sagen würde: „Bei uns ist ein Zugunglück geschehen.“ ? „In Schwaz ist es geschehen,“ würden wir sagen. Und vice versa auch.
Einen gruppendynamischer Vorgang viel größeren Zuschnittes, jedenfalls was die geographische Dimension anbelangt , konnte ich ( und konnte nicht nur ich, selbstredend ) in meiner Zeit als Richter am Oberlandesgericht in Naumburg beobachten. Naumburg liegt in Sachsen-Anhalt, in der ehemaligen DDR: Das Auseinanderdriften der beiden deutschen Bevölkerungshälften in den 45 Jahren der kommunistischen Herrschaft dort. Es ist – heute noch, trotz aller Beteuerungen – und vielleicht sogar heute wieder stärker wirksam.
Politische, wirtschaftliche, soziale und welche Aktivitäten immer können diese Trennung nicht beseitigen. Die gemeinsamer Schützenaufmärsche, die Umarmungen der Landeshauptleute, die gemeinsamen Andreas Hofer-Feiern und alles dergleichen ist schön und gut, aber im Kern wirkungslos. Im Gegenteil: grad die jeweils lautstarke Verkündung des Gemeinsamen zeigt, daß es nicht wirklich gemeinsam ist. Sonst bräuchte man es ja nicht zu betonen.
Die Trennung sitzt in den Köpfen.
Dabei ist zu beobachten, daß, so ungern das ausgesprochen wird, die Südtiroler seit jeher auch Vorteile von der Trennung haben. ( Die Nord- und Osttiroler nicht. ) Ich nenne nur die – ich scheue mich nicht zu sagen – Gnade der Zwei- oder sogar Dreisprachigkeit. Auch in einer anderen als der Muttersprache leben, denken, lesen zu können, ist gar nicht hoch genug anzusetzen. Und überhaupt – Ich erinnere mich in dem Zusammenhang an einen Vorfall, der für mich symptomatisch ist. Der ORF drehte einen Film über mich. Das Team und ich waren drei Tage in Südtirol unterwegs, unter anderem selbstverständlich beim Mittagessen, das einmal in einem gut-bäuerlichen Gasthaus stattfand. Schön in der Sonne unter schattigen Reben. Ich plauderte die ganze Zeit vor mich hin, die Kamera surrte mit. Ich redete über das Essen, daß sich hier in Südtirol die kulinarischen Wege kreuzen : vom Wiener Schnitzel zum Ossobuco, vom Kaiserschmarrn zur Pasta asciuta … der Kameramann schrie: „ Das brauche ich im Bild!“ Einer vom Team hatte eh ein Wiener Schnitzel vor sich stehen. Da sagte ich zur Wirtin: „Bringen Sie mir eine Pasta asciuta, bitte.“ „Naa,“ sagte die Wirtin, „mir sein a deitsches Gaschthaus, mir ham koa Pastaschutta net.“ Ich erklärte dann, daß wir die Pasta asciuta eigentlich gar nicht als Essen bräuchten sondern quasi als Requisit. Die Wirtin ging wortlos ins Haus und kam mit einem Teller Pasta asciuta zurück. „ Wie das ?“ fragte ich. „Ja, fier ins hammer lei a Pastaschuta gekocht.“
Es geht die Rede von der Europa-Union Tirol – mit oder ohne Trentino, für das zaghaft das Wort Welschtirol wieder aufkommt, ist die weitere Frage. Würde so etwas die Trennung in den Köpfen beseitigen ? Es ist höchst fraglich. Einer mehr als nur folkloristischen Wirkung solch einer Region stehen im Fall Tirols viele Hindernisse entgegen. Da ist einmal das beinharte italienische Selbstverständnis, das – selbst bei Linken und Grünen – den verheerenden Nationalismus des 19. Jahrhunderts noch immer als behindernde Schleppe hinter sich herzieht, und da ist dann auch, zum Beispiel, der unterschiedliche politische Status Südtirols ( „Autonome Provinz Bozen“ innerhalb Italiens ) und Nord- und Osttirols (als bloßes Bundesland innerhalb Österreichs).
Daß man mich nicht falsch versteht: ich halte das alles, diese Trennung in den Köpfen, nicht für gut. Ich schreibe nur von dem, was, wie ich meine, ist. Und ich fürchte, daß das auch noch lange so bleibt. Ich bin Pessimist.
Allerdings: Merke ! Ein Pessimist ist ein Mensch, der hofft, daß er nicht recht behält.
Herbert Rosendorfer ist Schriftsteller und Jurist (in Pension), er lebt in Eppan. Mehr zu seiner Person und zu seinem umfangreichen Werk in Wikipedia

Tags: Rosendorfer Herbert, Tirol



